Mein Date aus der Platte

31 Jan

Wenn man sich ihren rosa Lippenstift wegdachte, sah sie eigentlich gar nicht so schlecht aus, bemerkte ich mit einem Seitenblick. Blinzelte noch zweimal kurz, rollte mich nach links aus dem Bett und ertastete mit meinen Füßchen einen flauschig weichen Teppich. „Naja, immerhin kein Nagelbrett, wie letztens bei dieser Sadomaso-Tussi“ dachte ich bei mir und fühlte mich im Schein der ersten Sonnenstrahlen zum Badezimmer vor.

Die Blase drückte schon, sportlich hechtete ich über die Couch, stieß mir beim abrollen den großen Zeh an einer Paulo Coelho-Büste und humpelte angeschlagen ins Badezimmer. „Was ist denn hier los?“ stammelte ich entrückt. Meine Morgenlatte machte spontan die Biege, Blut schoss mir in den Kopf – ein ungewohntes Gefühl. Im Bad waren Waschmaschine, Fußboden und Toilette mit einem einheitlichen rosa Plüschstoff bezogen. Es  fehlte bloß noch eine Diddl-Maus auf dem Spülkasten!

Schon auf den wenigen Metern zum Bad hatte ich feststellen müssen: „Diese Frau war in jedem Fall ausgesprochen ‚plüschig‘.“ Auf dem Sofa hatte ich unzählige Kissen in allen erdenklichen Farben und Formen im Farbton rot bis tendenziell lila festgestellt. An den Wänden klebten Wandtattoos mit Herzchen, sowie dazugehörigen Sprüchen wie: „Liebe ist… das einzige was sich verdoppelt wenn man es teilt“ oder „Liebe ist… beim aufwachen festzustellen dass es kein Traum war.“  Yeah! Das war meine Chance! Haha! Alles gar nicht echt! Alles nur geträumt! Eilig kniff ich mir kräftig in den Unterarm. Es traf mich wie ein Schlag. Fuck! Alles echt!

Was konnte einen Menschen dazu veranlassen, seine Wohnung derart zu „verplüschen“ Gehörte meine neueste Eroberung gar zu einer finsteren Sekte, welche Nachts im Wald Plüschtiere gnadenlos schlachtete? Sich aus den leeren Häuten Kleider nähte? Sich morgens fermentierte Plüschtierteile statt Teebeutel ins Wasser tunkte? Schockiert, verstört und irritiert durch meine eigenen Gedanken hielt ich inne.

Das konnte ich auf gar keinen Fall weiterhin zulassen. Vergessen war mein Harndrang. Ich schnappte mir den nächstbesten Plüschbären (gut, dass es keine Diddl-Maus war) und grölte: „Aaaattaackkeee! Auf Sie mit Gebrüll!“ Ein Trommelfeuerwerk des Plüsches prasselte auf meine Nachtbekanntschaft ein und schon hatte ich sie mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Plötzlich erhob sich eine Stimme hinter mir: „Wat’n hier los? Biste noch ganz knusper? Und wat machst‘n überhaupt mit meiner Tochter?“ Ich fuhr herum. „Öööhm… jo!“ Ich war verdutzt, das war jetzt ja blöd, so ertappt vom Vater der Plüschbraut. Zum Glück hatte ich letztens erst ein Seminar „Positive-Thinking“ besucht und erinnerte mich noch sehr gut an das intensiv geführte Nachgespräch mit meiner Sitznachbarin. Und so machte ich mir Mut, es war ja immerhin nicht ihr Freund richtig?

Ich fand meine Sprache wieder: „Schönen juten Tach junger Mann! Schmand der Name, Holger Schmand, ick bin in der Textilreinigungsbronche tätich, und ihre werte Tochter bat mich letzte Nacht inständig, da auf einen Fleck mal janz…äh..besonders drauf zuschauen. Da musste ich ganz schön rubbeln… Sie verstehen?“ „Ääääh… hallo?“, erhob sich nun eine dumpfe weibliche Stimme aus den noch immer aufgetürmten Plüschutensilien. Jetzt aber dalli: „Werter Herr ick muss dann ooch mal los…Ist ja ooch schon Sonntag. Tüdelü, man sieht sich.“ Und ich verschwand in den grauen dunklen Häuserschluchten von Marzahn-Hellersdorf…

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